Mehrhundehaltung bedeutet auch Management
Es gibt Tage, da bin ich keine Verhaltenstherapeutin für Hunde.
Da bin ich schlicht und ergreifend Knastaufsicht. 😄
Drei Hunde, drei völlig unterschiedliche Charaktere und momentan eine ganz besondere Mischung: Anahi hat ihre Stehtage, Bomber ist ein junger, unkastrierter Rüde und Mr. Dimpel findet ohnehin, dass man sich in nahezu jede Situation irgendwie einmischen kann.
Willkommen bei uns zu Hause.
Wenn einer hochfährt, macht der Nächste mit
Bomber ist ein Hund, der sich schnell hochfahren kann. Bewegung, Aufregung, Geräusche – manchmal reicht schon eine Kleinigkeit und die Energie steigt.
Und genau dann kommt Mr. Dimpel.
Der kleine Kerl hat nämlich eine ausgesprochen charmante Angewohnheit entwickelt: Wenn Bomber hochfährt, zwickt er ihm in die Beine.
Nun könnte man meinen: Der Große wird den Kleinen schon ignorieren.
Nein.
Irgendwann ist auch bei Bomber Schluss. Er wird sauer und ist Dimpel deshalb auch schon angegangen.
Das ist einer dieser Momente, in denen ich nicht darauf warte, dass die Hunde das „unter sich klären“.
Denn genau das halte ich bei solchen Konstellationen für keine besonders gute Idee.
Mehrhundehaltung bedeutet auch Management
Wenn mehrere Hunde zusammenleben, entsteht eine eigene Dynamik. Jeder Hund reagiert nicht nur auf uns Menschen, sondern auch auf die Stimmung und das Verhalten der anderen Hunde.
Erregung kann sich übertragen.
Einer wird unruhig, der zweite reagiert darauf und der dritte setzt noch einen drauf.
Und plötzlich hat man eine Situation, die wenige Sekunden vorher überhaupt kein Problem gewesen wäre.
Meine Aufgabe besteht deshalb momentan sehr häufig darin, früh zu erkennen, wann die Stimmung kippt.
Nicht erst einzugreifen, wenn es kracht.
Das bedeutet auch: Dinge liegen lassen.
Eigentlich wollte ich gerade etwas am Computer erledigen? Pech gehabt.
Die Küche wartet? Dann wartet sie eben.
Ich wollte nur noch schnell etwas fertig machen? Auch das muss manchmal zurückstehen.
Denn wenn die Hunde gerade Unterstützung bei der Regulation brauchen, hat das Vorrang.
Und dann sind da noch die Hormone …
Als wäre unsere kleine Männer-WG momentan nicht schon spannend genug, hat Anahi ihre Stehtage.
Damit verändert sich natürlich noch einmal die gesamte Situation.
Bomber ist unkastriert, Dimpel erst seit kurzer Zeit kastriert und Anahi befindet sich hormonell in einer Phase, in der man sich auf ein entspanntes „Die machen das schon“ ganz sicher nicht verlassen sollte.
Also heißt es:
beobachten, trennen, Ruhe schaffen und organisieren.
Wenn es mir zu bunt wird, werden die beiden Großen auch einmal angebunden. Nicht als Strafe, sondern schlicht als Managementmaßnahme.
Ruhe ist schließlich ebenfalls etwas, das Hunde lernen dürfen.
Nicht jedes Problem muss trainiert werden
Das ist ein Punkt, den ich in meiner Arbeit mit Menschen und Hunden immer wieder wichtig finde.
Wir wollen heute unglaublich viel „trainieren“.
Dabei braucht ein Hund manchmal gar keine weitere Übung.
Er braucht einen Menschen, der die Situation versteht und Verantwortung übernimmt.
Management ist kein Versagen im Training.
Im Gegenteil.
Zu erkennen, dass ein Hund eine Situation gerade noch nicht selbst gut bewältigen kann, ist für mich ein wichtiger Teil verantwortungsvoller Hundehaltung.
Ich muss nicht ausprobieren, wie weit ich gehen kann.
Ich darf vorher eingreifen.
Nach der Aufregung kommt die Ruhe
Spannend ist bei meinen drei Chaoten immer wieder zu beobachten, was nach den aufregenden Phasen passiert.
Nach Spaziergängen, Bewegung oder größeren Aufregungen schlafen sie.
Dann liegt plötzlich diese friedliche Dreiertruppe herum, bei der man kaum glauben kann, dass ich kurze Zeit vorher noch den Eindruck hatte, eine Mischung aus Kindergarten, Männer-WG und Hochsicherheitstrakt zu beaufsichtigen. 😄
Und genau diese Ruhephasen sind wichtig.
Hunde müssen nicht permanent beschäftigt werden. Gerade junge Hunde brauchen die Möglichkeit, Erlebtes zu verarbeiten und ihr Nervensystem wieder herunterzufahren.
Drei Hunde – drei Persönlichkeiten
Trotz aller Organisation möchte ich keinen meiner drei Charakterköpfe anders haben.
Bomber mit seiner Kraft und seiner schnellen Erregbarkeit.
Anahi mit ihrem unglaublich starken eigenen Willen.
Und Mr. Dimpel, der körperlich der Kleinste ist, davon aber offensichtlich noch nichts mitbekommen hat.
Sie fordern mich auf völlig unterschiedliche Weise.
Und genau deshalb finde ich das Zusammenleben mit mehreren Hunden so spannend.
Es geht nicht darum, aus allen den gleichen Hund zu machen.
Es geht darum, jeden einzelnen zu verstehen – und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die Gemeinschaft funktioniert.
Manchmal gelingt das ganz entspannt.
Und manchmal stehe ich eben da und denke:
„So. Ihr zwei dahin. Du bleibst dort. Und jetzt ist hier Ruhe.“
Fast 40 Jahre Hundeerfahrung hin oder her – an manchen Tagen bleibt eben nur noch eines:
Dienstantritt für die Knastaufsicht. 😉
Mehrhundehaltung zeigt mir dabei jeden Tag aufs Neue, wie wichtig es ist, Hundeverhalten nicht isoliert zu betrachten. Vieles davon beginnt bereits in den kleinen Situationen des Alltags – genau darüber habe ich auch in meinem Beitrag Wenn der Alltag zum Hundetraining wird geschrieben.

