Hundetraining im Alltag war für mich schon immer viel mehr als das gezielte Üben von Hörzeichen. Seit vielen Jahren sage ich meinen Kunden:
Hunde lernen nicht nur dann, wenn wir mit ihnen trainieren. Sie lernen den ganzen Tag.
Gebt ihnen Zeit. Gebt ihnen Raum für eigene Erfahrungen. Schafft klare Strukturen. Seid verlässlich in dem, was ihr möchtet – und ebenso in dem, was ihr nicht möchtet.
Das war schon in Deutschland ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit.
Heute, mit meinen eigenen jungen Hunden in Paraguay, erlebe ich noch einmal sehr unmittelbar, wie viel darin steckt.
Nicht, weil ich meine Einstellung zur Hundeerziehung grundsätzlich verändert hätte.
Sondern weil sich etwas anderes verändert hat:
die äußeren Bedingungen.
Und dadurch kann ich mit Bomber und Anahi etwas beobachten, das mich in meiner bisherigen Arbeit noch einmal ganz neu bestätigt.
In Deutschland war der äußere Druck größer
Auch meine Hunde in Deutschland hatten Freiheiten.
Sie durften Hund sein, eigene Erfahrungen machen und mussten nicht ständig unter meiner Kontrolle stehen. Genau das habe ich auch meinen Kunden vermittelt.
Aber wir lebten unter anderen Bedingungen.
Stadt, Straßenverkehr, Radfahrer, Jogger, andere Hunde, Menschen auf engen Wegen – und viele Situationen, in denen wenig Raum für Fehler blieb.
Dazu kamen die Erwartungen der Umwelt.
Ein Hund musste zuverlässig reagieren und entsprechend viel können.
Deshalb habe ich mit meinen Hunden mehr Hörzeichen trainiert.
Das war nicht zu viel und es war auch nicht falsch.
Es war für diesen Alltag passend und notwendig.
Heute leben wir anders.
Hier in Paraguay haben wir mehr Raum und in vielen Situationen deutlich weniger Druck von außen.
Und genau dadurch wird etwas sichtbar, was ich zwar schon lange wusste und weitergegeben habe, aber jetzt mit meinen eigenen Hunden täglich noch einmal erleben darf:
Wie wenig zusätzliches Training manchmal notwendig ist, wenn der tägliche Rahmen stimmt.
Hundetraining im Alltag – der tägliche Rahmen entscheidet
Bomber ist dafür ein schönes Beispiel.
Ich wollte, dass er versteht, was „auf deinen Platz“ beziehungsweise „Pause“ bedeutet.
Ich habe es ihm zweimal gezeigt.
Mehr brauchte es zunächst nicht.
Danach habe ich keine künstlichen Trainingseinheiten daraus gemacht.
Stattdessen galt im Alltag immer wieder dasselbe.
Wenn Pause ist, ist Pause.
Wenn sein Platz gefragt ist, ist sein Platz gefragt.
Der Ablauf blieb verlässlich.
Und Bomber verstand sehr schnell, was ich von ihm wollte.
Natürlich lernt nicht jeder Hund alles nach zwei Wiederholungen. Darum geht es mir auch gar nicht.
Entscheidend ist etwas anderes:
Ich musste nicht ständig trainieren, weil unser Alltag weitertrainiert hat.
Jede Wiederholung im echten Leben hat das Gelernte bestätigt.
Eigentlich ist das nichts Neues – und genau das finde ich so spannend
Wenn ich heute darüber nachdenke, muss ich manchmal schmunzeln.
Denn im Grunde erlebe ich hier genau das, was ich meinen Kunden in Deutschland immer wieder erzählt habe.
Ein Hund braucht Zeit.
Er braucht einen verständlichen Rahmen.
Er braucht Konsequenz – für mich bedeutet das vor allem Verlässlichkeit.
Und er braucht die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen und selbst Lösungen zu finden.
Ich wusste das nicht nur theoretisch. Ich habe es über viele Jahre in meiner Arbeit erlebt.
Aber es ist noch einmal etwas anderes, es mit den eigenen jungen Hunden unter völlig veränderten Lebensbedingungen so deutlich zu beobachten.
Bomber und Anahi funktionieren in unserem Alltag genauso gut wie meine Hunde damals in Deutschland.
Nur der Weg dorthin fühlt sich anders an.
Weniger Druck von außen.
Weniger bewusstes Training einzelner Hörzeichen.
Mehr Lernen innerhalb unseres gemeinsamen Alltags.
Beziehung bedeutet auch, einander zu verstehen
Je länger wir zusammenleben, desto weniger muss ich erklären.
Ein Blick.
Eine Bewegung.
Eine bestimmte Situation.
Manchmal ein kurzes Wort.
Die Hunde kennen unsere Abläufe und wissen zunehmend, was gemeint ist.
Für mich ist genau das Beziehung.
Nicht, dass mein Hund möglichst viele Kommandos beherrscht.
Sondern dass wir lernen, einander zu lesen und zu verstehen.
Das funktioniert aber nur, wenn ich für meinen Hund berechenbar bin.
Wenn heute erlaubt ist, was morgen ebenfalls erlaubt ist.
Wenn eine Grenze nicht davon abhängt, ob ich gerade gute Laune habe.
Und wenn ich nicht fünfmal etwas sage, das beim sechsten Mal plötzlich doch keine Bedeutung mehr hat.
Der Rahmen gibt Orientierung. Die Wiederholung des Alltags festigt sie. Die Beziehung trägt beides.
Weniger äußerer Druck schafft mehr Raum
Vielleicht ist das für mich die eigentliche neue Erfahrung in Paraguay. Wie sehr Paraguay inzwischen zu unserem Zuhause geworden ist, habe ich bereits in meinem ersten Blogbeitrag beschrieben.
Nicht eine neue Methode.
Nicht eine neue Erkenntnis über Hunde.
Sondern die Möglichkeit, etwas, von dem ich schon lange überzeugt bin, unter anderen Bedingungen selbst noch intensiver zu erleben.
In Deutschland musste ich aufgrund der Umwelt manches gezielter absichern und trainieren.
Hier kann ich häufiger abwarten.
Beobachten.
Den Hunden Raum geben.
Und erleben, was passiert, wenn der Alltag selbst einen großen Teil des Lernens übernimmt.
Das bestätigt mir noch einmal etwas, das ich Hundehaltern schon so lange mitgebe:
Wir müssen nicht aus jeder gewünschten Verhaltensweise eine Trainingsstunde machen.
Manchmal müssen wir einfach wissen, was wir möchten, einen verständlichen Rahmen schaffen und diesen im Alltag verlässlich leben.
Natürlich braucht es trotzdem Training
Es gibt Fähigkeiten, die ich bewusst aufbaue und absichere.
Ein zuverlässiger Rückruf gehört für mich beispielsweise dazu.
Und ein Hund, der mitten in einer deutschen Großstadt lebt, braucht andere Fähigkeiten und vielleicht auch eine andere Absicherung als meine Hunde heute in Paraguay.
Auch neue Übungen hatten in meiner Arbeit in Deutschland ihren Sinn. Sie brachten Abwechslung für den Menschen und gaben dem Hund die Möglichkeit zu lernen, dass etwas nicht nur in einer bestimmten Trainingssituation funktioniert. Er konnte Erfahrungen sammeln und das Gelernte nach und nach auf andere Situationen übertragen.
Das war wichtig und richtig.
Deshalb geht es für mich nicht um „Training oder kein Training“.
Es geht um die Frage:
Was braucht dieser Hund in diesem Leben wirklich – und was entsteht bereits dadurch, wie wir jeden Tag miteinander leben?
Was sich für mich bestätigt hat
Nach all den Jahren mit Hunden ist es schön, noch einmal unter ganz anderen Bedingungen zu erleben, wie wichtig vor allem eines ist:
Struktur.
Training kann wichtige Impulse setzen und neue Übungen können helfen, Gelerntes auf unterschiedliche Situationen zu übertragen.
Doch die Grundlage dafür war für mich schon damals ein klarer und verlässlicher Alltag.
Hunde brauchen Menschen, die für sie verständlich sind.
Sie brauchen Geduld.
Sie brauchen Raum, um Erfahrungen zu sammeln und eigene Lösungen zu finden.
Sie brauchen Grenzen, auf die sie sich verlassen können.
Und sie brauchen die Möglichkeit, Gelerntes in unterschiedlichen Situationen anzuwenden.
Hier in Paraguay bestätigt sich für mich noch einmal sehr deutlich, wie viel diese tägliche Struktur bewirken kann.
Bomber und Anahi bekommen deutlich weniger klassisches Training als meine Hunde damals in Deutschland – und trotzdem wachsen sie genauso selbstverständlich in unseren Alltag hinein.
Denn ein verlässlicher Rahmen wiederholt sich jeden Tag.
Und genau dadurch lernen sie jeden Tag.
Vielleicht ist das für mich die schönste Bestätigung dessen, was ich meinen Kunden schon früher immer wieder gesagt habe:
Training kann wichtige Impulse geben. Aber die eigentliche Erziehung findet im Alltag statt.
Denn wir trainieren unsere Hunde viel häufiger, als uns bewusst ist.
Wir nennen es nur nicht Training. Wir leben miteinander.
Mein Gedanke des Tages
Der Alltag trainiert unseren Hund jeden Tag. Ein klarer Rahmen macht aus vielen einzelnen Übungen irgendwann etwas viel Wertvolleres: Selbstverständlichkeit.
Reflexionsfrage
Welche Dinge kann dein Hund ganz selbstverständlich, obwohl du sie nie in klassischen Trainingseinheiten mit ihm geübt hast?
