Der Alltag in Paraguay überrascht mich auch nach einigen Monaten immer wieder – denn vieles funktioniert hier einfach anders, als ich es aus Deutschland kenne.
Wer aus Deutschland nach Paraguay kommt, bringt einiges mit. Und damit meine ich nicht die Kisten und Koffer.
Man bringt auch seine Vorstellungen davon mit, wie Dinge zu funktionieren haben.
Wie man einen Termin vereinbart. Wo man etwas kauft. Wie eine Behörde arbeitet. Wie ein Problem gelöst wird. Und natürlich die schöne deutsche Vorstellung, dass man möglichst vorher weiß, wie etwas ablaufen wird.
Und dann kommt Paraguay.
Tranquilo.
Dieses Wort begegnet einem hier immer wieder. Ruhig. Entspannt. Kein Stress. Das wird schon.
Das kann wunderbar sein.
Es kann einen aber auch wahnsinnig machen, wenn man gerade eine konkrete Antwort möchte und das Gegenüber offenbar überhaupt keinen Grund sieht, sich von der eigenen Dringlichkeit anstecken zu lassen.
Nach einigen Monaten hier merke ich allerdings: Vieles funktioniert. Nur eben anders, als ich es aus Deutschland kenne.
Und manchmal ist dieses Anders ziemlich sympathisch.
Alltag in Paraguay: Tranquilo heißt nicht, dass nichts passiert
Ein schönes Beispiel dafür war mein Besuch bei der Polizei.
Für meinen paraguayischen Führerschein brauchte ich eine Wohnbestätigung. Also musste ich zur Polizei.
Als ich dort ankam, saßen vier Beamte ziemlich entspannt herum. Keine sichtbare Hektik, kein geschäftiges Hin- und Herlaufen und überhaupt hatte ich nicht den Eindruck, dass sich hier gerade irgendjemand stressen ließ.
Mein deutscher Kopf beobachtete die Szenerie natürlich erst einmal etwas skeptisch.
Vier Beamte. Sehr viel Ruhe. Und ich wollte eigentlich nur dieses eine Dokument.
Dann kümmerte man sich um mein Anliegen.
Und wenig später hatte ich meine Wohnbestätigung in der Hand und konnte wieder gehen.
Kein zweiter Termin. Kein „Kommen Sie nächste Woche wieder“. Kein Warten auf irgendeinen Bescheid.
Einfach erledigt.
Seitdem weiß ich: Tranquilo und effizient schließen sich offenbar nicht aus. Es sieht nur anders aus.
Lösungen müssen nicht immer so aussehen, wie man sie sich vorgestellt hat
Auch meine Brille hat mich etwas über paraguayische Lösungsfindung gelehrt.
An einem Bügel war etwas kaputt und eigentlich musste nur eine Kleinigkeit geschweißt werden.
Der erste Optiker schaute sich die Sache an und sagte gleich: Nein, das könne er nicht. Aber ich könne es beim Uhrmacher versuchen.
Also suchte ich den Uhrmacher.
Ich fand ihn schließlich in einem Hinterhof. Dort saß er mit einem anderen Mann und trank erst einmal gemütlich Tereré. Irgendwann kam er langsam zu mir herüber.
Und sagen wir es einmal so: Er war schon etwas tatterig.
Während ich ihn beobachtete, hatte ich gewisse Zweifel, ob ich diesem Mann ausgerechnet meine Brille für eine filigrane Schweißarbeit überlassen wollte.
Zum Glück bot er es gar nicht erst an.
Also ging die Suche weiter.
Der nächste Optiker sagte: Ja, kein Problem. Die Brille würde ins Labor geschickt und dort repariert.
Perfekt.
Zumindest hatte ich eine gewisse Vorstellung davon, was „repariert“ bedeuten würde.
Als ich meine Brille zurückbekam, hatte sie einfach zwei neue Bügel.
Die Eleganz meines ursprünglichen Brillengestells war damit zwar dahin.
Aber ich konnte wieder vernünftig sehen.
Und vielleicht beschreibt genau das etwas, was wir hier immer wieder erleben:
Die Lösung entspricht nicht unbedingt der Lösung, die man selbst im Kopf hatte. Aber es gibt eine Lösung.
Schimpfen kann nach hinten losgehen
Auch im Umgang mit Arbeitern mussten wir lernen, dass die gewohnte deutsche Direktheit nicht immer zum Ziel führt.
Uns wurde ziemlich früh erklärt: Wenn etwas falsch läuft, kann man das natürlich ansprechen. Aber man sollte möglichst nicht laut werden, schimpfen oder jemanden vor den anderen zurechtweisen.
Denn dann kann es passieren, dass derjenige am nächsten Tag einfach nicht mehr kommt.
Das war für uns zunächst durchaus gewöhnungsbedürftig.
Denn natürlich gibt es auch hier Situationen, in denen etwas nicht so gemacht wurde, wie es abgesprochen war. Und manchmal steht man daneben und denkt:
Das kann doch jetzt nicht wahr sein.
Der erste Impuls wäre vielleicht, genau das ziemlich deutlich zu sagen.
Hier scheint das Wie aber mindestens genauso wichtig zu sein wie das Was.
Also ruhig bleiben. Erklären. Eine Lösung suchen.
Das bedeutet nicht, alles hinzunehmen oder Fehler nicht anzusprechen.
Es bedeutet eher:
Das Problem lösen, ohne dabei gleich das nächste zu schaffen.
Vielleicht ist auch das ein bisschen Tranquilo.
Du kennst jemanden, der jemanden kennt
Eine weitere Sache haben wir ziemlich schnell gelernt:
Man bekommt hier vieles. Man muss nur wissen, wo.
In Deutschland war ich gewohnt, nach einem bestimmten Produkt oder einer Dienstleistung zu suchen und relativ schnell herauszufinden, wo ich das bekomme.
Hier funktioniert das häufig anders.
Wo bekommt man bestimmte Lebensmittel? Wo ist ein guter Biomarkt? Wo findet man einen deutschen Schlachter? Wo bekomme ich Kaliumseife, weil ich mit dem hiesigen Spülmittel einfach nicht glücklich werde? Wer kennt eine gute Fußpflegerin? Und wo finde ich eine Osteopathin?
Die Lösung beginnt erstaunlich häufig damit, jemanden zu fragen.
Und dann geht es los:
„Ich kenne jemanden.“
„Ich schicke dir die Nummer.“
„Frag mal dort.“
„Schreib ihr einfach über WhatsApp.“
So entsteht mit der Zeit ein ganz eigenes Netzwerk.
Hat man erst einmal ein paar Kontakte, wird vieles plötzlich einfacher. Der eine kennt den nächsten, eine Telefonnummer wandert aufs Handy und irgendwo findet sich meistens jemand, der weiterhelfen kann.
Google ist natürlich auch hier nützlich.
Aber manchmal ist in Paraguay ein guter WhatsApp-Kontakt die bessere Suchmaschine.
Ohne WhatsApp geht sowieso fast nichts
Überhaupt WhatsApp.
Wer bei WhatsApp nur an Nachrichten mit Freunden, Familiengruppen und lustige Videos denkt, unterschätzt seine Bedeutung in Paraguay gewaltig.
Hier wird darüber gefühlt das halbe Leben organisiert.
Termine werden vereinbart. Handwerker angeschrieben. Bestellungen aufgegeben. Standorte verschickt. Dienstleistungen angefragt. Informationen und Rechnungen rund um den Strom werden darüber geregelt.
Eine Telefonnummer zu bekommen bedeutet deshalb häufig schon:
Problem fast gelöst.
Für mich hat das sogar einen großen Vorteil. Mein Spanisch ist noch nicht perfekt. Eine geschriebene Nachricht kann ich in Ruhe lesen oder übersetzen. Das macht vieles leichter.
Und wenn eine Sprachnachricht kommt, wird es manchmal etwas spannender.
Was meinen deutschen Kopf allerdings gelegentlich noch kurz zucken lässt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier Dinge über WhatsApp geschickt und geregelt werden.
Datenschutz lässt grüßen.
Wo ich aus Deutschland Formulare, Einwilligungen und Datenschutzerklärungen gewohnt bin, heißt es hier häufig einfach:
„Schick mir das über WhatsApp.“
Anfangs fand ich das gewöhnungsbedürftig.
Inzwischen frage ich selbst:
„Hast du eine Nummer? Dann schreibe ich.“
Anders heißt nicht besser oder schlechter
Natürlich ist nicht alles, was anders läuft, automatisch toll.
Manches finde ich herrlich unkompliziert. Bei anderem wünsche ich mir durchaus ein bisschen deutsche Organisation zurück.
Und manchmal hätte ich einfach gerne eine klare Antwort anstelle eines freundlichen Tranquilo.
Aber genau das macht unseren Alltag hier inzwischen auch aus.
Wir lernen, dass anders nicht automatisch schlechter bedeutet.
Vier entspannt herumsitzende Polizisten können dafür sorgen, dass ich innerhalb kürzester Zeit mein Dokument bekomme.
Eine kaputte Brille kann am Ende ganz anders aussehen als vorher – aber wieder funktionieren.
Ein Problem mit einem Arbeiter lässt sich möglicherweise besser mit einem ruhigen Gespräch lösen als mit einer Standpauke.
Und Dinge, die scheinbar nirgendwo zu bekommen sind, tauchen plötzlich auf, weil irgendjemand jemanden kennt, der eine Telefonnummer hat.
Vielleicht ist genau das eine der Seiten Paraguays, die ich inzwischen sehr mag:
Es wird nicht immer lange darüber gesprochen, warum etwas nicht geht. Häufig wird einfach geschaut, wie es doch gehen könnte.
Das Ergebnis ist manchmal professionell.
Manchmal improvisiert.
Und manchmal ganz anders als erwartet.
Aber erstaunlich oft funktioniert es.
Und wenn nicht?
Dann findet sich vielleicht jemand, der jemanden kennt.
Tranquilo.
Wie sehr Paraguay inzwischen zu unserem Zuhause geworden ist, habe ich in meinem ersten Paraguay-Beitrag beschrieben.
Mein Gedanke des Tages
Nicht alles muss so funktionieren, wie wir es gewohnt sind, um zu funktionieren.
Manchmal braucht es einfach einen anderen Weg.
Und möglicherweise eine WhatsApp-Nummer. 😄
